Bereue deine Frömmigkeit

Bereue deine Frömmigkeit

Peter Leithart, 07.09.2015

Ich möchte eine Aufmunterungsrede halten. Nichts Ausgefallenes, nichts Schlaues. Jesus macht in Lukas 11 erstaunliche Verheißungen. Ich möchte das Gerümpel beiseiteräumen und dich davon überzeugen, Ihm zu glauben und entsprechend zu handeln.

Das Kapitel beginnt damit, dass Jesus betet und seine Jünger das Beten lehrt, indem er ihnen das Vaterunser gibt. Darauf folgt ein Gleichnis über einen Mann, der seinen Nachbarn beharrlich um Hilfe bittet. Es ist spät in der Nacht; der Nachbar liegt im Bett und seine Tür ist verschlossen. Doch der Mann ist so beharrlich – so »schamlos« –, dass selbst der widerwillige Nachbar aufsteht und dem Mann hilft, der ihn geweckt hat.

Die Pointe des Gleichnisses ist natürlich nicht, dass Gott wie der widerwillige Nachbar ist – zu müde und zu bequem, um aufzustehen und zu helfen. Der Punkt ist: Selbst ein widerwilliger Nachbar reagiert auf Bitten. Wenn das wahr ist, wie viel mehr dein himmlischer Vater?

Dann fügt Jesus klare Verheißungen hinzu. Bittet, sucht, klopft an. Jeder, der bittet, empfängt. Jeder, der sucht, findet. Wer anklopft, dem wird geöffnet. Er fügt ein weiteres Gleichnis hinzu, um den Punkt zu bekräftigen. Ihr Väter, ihr gebt euren Kindern gute Dinge. Ihr gebt ihnen keinen Stein, wenn sie um Brot bitten, keinen Skorpion, wenn sie um ein Ei bitten, oder eine Schlange, wenn sie um Fisch bitten. Ihr seid böse und wisst dennoch, euren Kindern gute Gaben zu geben. Wie viel mehr gibt dann euer himmlischer Vater, der ganz, unaussprechlich gut ist – nichts als gut, lauter und rein und absolut gut – wie viel mehr gibt euer himmlischer Vater den Geist denen, die ihn bitten?

Siehst du, was Jesus hier tut? Seine Jünger haben gefragt: »Herr, lehre uns beten.« Und genau das tut Jesus. Er gibt ihnen ein Gebet an die Hand, offenkundig für den gemeinsamen Gebrauch, denn es hat all diese »uns«- und »unser«-Fürwörter. Aber der Rest von Jesu Lehre über das Gebet ist kein »How-to«. Er empfiehlt kein Gebetstagebuch, keine feste Tageszeit fürs Gebet, kein Verzeichnis erhörter Gebete und nicht das Akronym ACTS – Adoration, Consecration, Thanks, Supplication.

An all diesen Dingen ist nichts verkehrt. All das wurde mit großem Nutzen für wirksames, inbrünstiges Gebet verwendet. Aber das ist nicht, was Jesus lehrt. Jesus will einen grundlegenderen Punkt deutlich machen. Ihn interessiert weniger das »Wie?« als das »Zu wem?« Was unseren Gebeten Form, Energie, Inbrunst und Wirksamkeit gibt, ist die Gewissheit, dass wir zu unserem himmlischen Vater beten.

Der Punkt der Aufmunterungsrede ist also einfach: Bete im Wissen, dass du zu deinem himmlischen Vater betest. Bete mit Zuversicht, dass du empfangen wirst, wenn du bittest; dass du finden wirst, wenn du suchst; dass dir geöffnet wird, wenn du anklopfst. Bete im Wissen, dass du zu einem Gott betest, der seinen Kindern keine Steine oder Schlangen gibt. Glaube Jesus und bete entsprechend.

Der zweite Teil der Aufmunterungsrede lautet: Lebe so, wie du betest. Wir leben immer so, wie wir beten. Wenn wir gar nicht beten, leben wir, ohne an Gott oder seinen Willen zu denken. Gebet ist ein Eingeständnis von Bedürftigkeit, und wenn wir meinen, nichts zu brauchen, werden wir das Gebet meiden. Wenn wir zaghaft, schwach, ängstlich, pessimistisch beten – dann werden wir auch so leben. Das Leben wird uns genau das geben, was wir von ihm erwarten, nämlich nicht viel. Wenn wir im Glauben beten, dass wir zu unserem guten himmlischen Vater beten, der nichts als gute Gaben gibt, dann werden wir zuversichtlich, dankbar, freudig, mutig leben.

So beten oder leben wir nicht. Unser Leben folgt wohl der Bahn unserer Gebete, aber wir beten nicht, wie Jesus uns gelehrt hat, und so leben wir nicht, wie Jesus lebte. Schlimmer noch: Wir entschuldigen unseren Ungehorsam mit Frömmigkeit und Theologie. Wir suchen nach Ausreden, Schlupflöchern und Einschränkungen. Wir benutzen unsere Theologie, um unsere Mittelmäßigkeit zu rechtfertigen.

Wir sagen: Gott ist souverän. Er kann antworten oder nicht antworten. Er tut, was Er will. Also kann ich beten, aber es gibt keine Garantie, dass Gott antwortet. Wir beten, weil wir müssen, aber wir erwarten nicht, dass etwas geschieht. Oder vielleicht hören wir ganz auf zu beten.

Es gibt Varianten dieses Themas: Klar, Gott gibt all diese großartigen Verheißungen. Die Bibel ist voll davon. Aber ich bin nicht sicher, ob sie für mich sind. Gott ist souverän, und Er könnte beschließen, seine Verheißungen nicht zu erfüllen. Klar, Gott hat alles erdenklich Gute. Er kann alles tun. Aber ich weiß nicht, ob Er irgendetwas für mich tun wird. Gott ist souverän, also bin ich mir nicht sicher, ob Er Gutes oder Schlechtes für mich tun wird. Gott ist souverän und sorgt für seine Kinder, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich sein Kind bin. Schließlich wählt Gott, wen Er will, und woher soll ich wissen, dass Er mich gewählt hat? Es ist nur ein Wurf der göttlichen Würfel. Am Ende benutzen wir Gottes Souveränität, um unseren Pessimismus, unsere Trägheit, unseren Mangel an Vision zu entschuldigen.

Und wir sagen: Ich bin ein elender Sünder. Ich verdiene nichts von Gott. Ich kann in seiner Gegenwart kaum den Kopf heben. Ich werde beten, aber ich mache mir keine großen Hoffnungen. Wir nutzen unsere Sündhaftigkeit, um unseren Stoizismus zu rechtfertigen.

Es ist fast, als ob wir denken, der arme Gott habe sich überverpflichtet, und wir müssten Ihn vor Seiner Begeisterung schützen. Jesus war ein bisschen voreilig, und wir müssen die Einschränkungen nachreichen, die Er ausgelassen hat.

Gott braucht unsere Schlupflöcher nicht. Er will unsere Ausreden nicht. Er hat sich genau so weit verpflichtet, wie Er sich verpflichten wollte, und Er hat sich ganz verpflichtet. Wir müssen Buße tun über unsere Frömmigkeit. Wir müssen Buße tun über unsere Rechtgläubigkeit.

Gott ist souverän. Ja, absolut. Gott tut, was Ihm gefällt. Der Vater tut alles, was Er tut, zur Freude des Sohnes im Geist, und der Sohn tut alles, was Er tut, zur Freude des Vaters im Geist. Gott ist so absolut souverän, dass Er sich frei und gnädig uns verpflichten kann. Er ist souverän, und Er hat souverän vor Grundlegung der Welt beschlossen, unser Gott zu sein. Er ist souverän und unendlich, und Er hat all Seine unendlichen Ressourcen für uns in Bewegung gesetzt. Gott ist absolut souverän, aber der einzige Gott, der ist, ist der Gott, der sich uns verpflichtet hat, indem Er Seinen Sohn ans Kreuz gesandt hat. Klingt das nach einem Gott, der sich um Überverpflichtung sorgt? Klingt das nach einem Gott des Kleingedruckten und der Schlupflöcher?

Gottes Souveränität ist keine Entschuldigung für Stoizismus oder Pessimismus oder Untätigkeit. Im Gegenteil: Weil Gott souverän ist, können wir ganz sicher sein, dass Gott unsere Gebete hört und beantwortet.

Bist du ein elender Sünder? Das glaube ich nicht. Ja, du sündigst, vielleicht oft. Aber »Sünder« ist eine Kategorie. Das ist nicht die Klasse von Personen, zu der du gehörst. Höre dieses Wort von Paulus: »So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, die in Christus Jesus sind.« Keine Verdammnis. Sicherlich muss es doch ein bisschen Verdammnis geben, vielleicht nur ein klitzekleines bisschen. Aber doch irgend eine Verdammnis. Nein: Keine Verdammnis! Gott richtet dich in Christus. Er sieht dich in Seinem geliebten Sohn. Du bist Ihm so geliebt wie Jesus, in dem du stehst. Wenn Gott sagt, dass es keine Verdammnis gibt, dass du gerecht bist – wer bist du, dich weiter zu verdammen? Wie wagst du es, dich selbst zu verdammen?

Gott begünstigt seine Kinder, aber du sagst: »Ich bin nicht sicher, ob ich Sein Kind bin. Er erwählt, wen Er will.« Aber du bist Gottes Kind, weil Er dich in der Taufe in Seine Familie aufgenommen hat. Wenn Gott in der Taufe sagt: »Du bist mein!«, wer bist du, daran zu zweifeln? Wer bist du, zu sagen: »Nun, ich bin mir nicht sicher.«

Wenn du denkst, dass Gott gute Dinge hat, sie aber weigert, mit dir zu teilen, dann bist du der Versuchung des Teufels erlegen. Genau das hat die Schlange Eva gesagt: Gott will seine Gaben für sich behalten. Er teilt nicht. Gott ist nicht der Vater, der denen gibt, die bitten, sondern ein geiziger und selbstsüchtiger Vater, ein Drache, der seine Schätze in seiner Höhle hütet.

Geben wir dieser Art von Frömmigkeit und dieser Art von Theologie den richtigen Namen: Das ist Unglaube. Wir können sie mit frommem Bibelgerede umgeben und stützen, aber es ist nichts als Unglaube. Es ist Unglaube, daran zu zweifeln, dass der souveräne Gott sich selbst und all sein Gutes dir gibt. Wenn Gott »keine Verdammnis« sagt und du antwortest: »Gib mir einen Moment für ein wenig weitere Selbstgeißelung«, ist das nicht nur falsche Demut. Es ist Unglaube. Es ist Unglaube, daran zu zweifeln, dass Gott dir in der Taufe seinen Familiennamen gegeben hat. Wenn du denkst, dass Gott seinen Kindern Gutes vorenthält, ist das Unglaube – und nebenbei eine Beleidigung des Charakters Gottes.

Also: Tut Buße über eure Frömmigkeit. Kehrt um von der ungläubigen Art, wie ihr eure Theologie benutzt. Kehrt um davon, Gottes Wort zu verdrehen, um nicht zu beten, oder vorsichtig zu beten, oder zaghaft zu beten. Tut Buße über eure falsche Demut. Tut Buße über eure Frömmigkeit.

Bete und lebe im Gedenken an die Verheißung Jesu: Jeder, der bittet, empfängt. Wer sucht, findet, und wer anklopft, dem wird eine Tür geöffnet. Gott gibt uns keine Schlangen, wenn wir um Fisch bitten; Er gibt keine Skorpione statt Eiern. Er gibt keine Steine statt Brot. Das tut Er nicht. Niemals. Niemals, niemals, niemals. Er gibt seinen Kindern immer gute Gaben. Immer, immer, immer.

Hier ist die Verheißung in einem Satz: Gott gibt die immer, worum du bittest, oder etwas Besseres.

Du wirst sagen: Ich habe für vieles gebetet, was ich nie bekommen habe. Du kannst dir etwas wirklich wünschen, eifrig beten und enttäuscht werden. Du willst etwas jetzt, und es zeigt sich nicht. Du betest jahrelang, und es geschieht nicht. Gute Dinge; unselbstsüchtige Dinge. Du wirst sagen: Ich habe dafür gebetet, dass Gott gute Dinge tut, und alles, was ich bekomme, ist Leid, Frust und Scheitern. Ich habe um Erleichterung von Leiden und Anfechtung gebetet, aber es kommt immer wieder und wird immer schlimmer.

Was geschieht? Sind Jesu Verheißungen außer Kraft gesetzt? Müssen wir am Ende doch Einschränkungen machen? Gibt es doch Kleingedrucktes? Nein. Was geschieht, wenn unsere Gebete nicht erhört werden?

Es ist möglich, dass du um eine Schlange oder einen Skorpion gebeten hast. Waren die Dinge, um die wir gebeten haben, wirklich gut für uns, das Beste für uns? Er sagt vielleicht Nein, weil Nein die beste Antwort ist. Es ist möglich, dass Er uns gute Dinge gibt, die uns nicht als gut erscheinen – zumindest noch nicht. Wenn du um Erleichterung von Leiden bittest und mehr Leiden bekommst, dann bedeutet das, dass Gott dir die Gabe der Trübsal gegeben hat.

Er will vielleicht Sünde wegbrennen. Er führt dich vielleicht ans Kreuz, um deinen Glauben zu stärken. Welche Trübsal Er auch bringt, du kannst dich freuen; du kannst triumphieren, denn »wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen, da wir wissen, dass die Bedrängnis Standhaftigkeit bewirkt; Standhaftigkeit aber Bewährung; Bewährung aber Hoffnung; die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Römer 5,3–5).

Wenn du leidest, bist du am Kreuz – wo Jesus war, und dort wird dir der lebendige Jesus begegnen. Du bittest um Erleichterung, und Er gibt dir mehr Leiden, nicht nur, um diese Tugenden in dir zu wirken, sondern um dich zu einem lebendigen Zeugnis für deinen gekreuzigten Herrn zu machen. Durch dein geduldiges, freudiges, standhaftes, ehrliches Leiden zeigt Gott in deinem Leben, dass seine Kraft in Schwachheit zur Vollendung kommt. Er macht dein Leben zu einem lebendigen Zeugnis für die Kraft des Evangeliums. Er beweist in deinem Leben, dass das Evangelium real ist.

Was geht vor sich, wenn wir nicht bekommen, worum wir bitten? Es kann vieles sein, aber Jesus macht klar, dass eines ganz gewiss nicht geschieht: Das ist nicht Gott, der dir Steine statt Brot gibt, eine Schlange oder einen Skorpion statt eines Fisches. Das ist nicht Gott, der dich den Kürzeren ziehen lässt. Das ist nicht Gott, der die Tür verschlossen hält. Das tut Er nicht. Niemals, niemals, niemals. Er gibt seinen Kindern gute Gaben. Immer, immer, immer. Nichts als Gutes.

Gott gibt dir immer, worum du bittest, oder etwas noch Besseres.

Bete im Glauben, und lebe dann im gleichen Glauben. Dein Vater ist mit dir bei jedem Schritt, den du gehst, und bei jeder Entscheidung, die du triffst. Wenn du im Glauben betest, fängst du an, so zu leben, wie du betest.

Bete, und fange dann an, nach Antworten Ausschau zu halten. Treues Gebet führt zu erwartungsvollem Leben. Bete um den Geist, und beobachte, wie der Geist überall um dich herum wirkt. Treues Gebet führt zu geistlichem Leben. Bete, und wisse, dass alles, was Gott bringt, genau der Fisch, das Brot und die Eier sind, die du brauchst. Gebet im Glauben führt zu dankbarem Leben. Bete, dass dein Vater bei dir ist, dich schützt, dich leitet, und lege Schüchternheit, Furcht und Sorge ab. Gebet führt zu einem kühnen, furchtlosen Leben.

Dies ist die Welt deines Vaters. Er steht hinter dir, Er geht dir voran, Er ist der Fels unter dir und dein himmlischer Vater über dir. Dies ist die Welt deines Vaters, und Er hat diese weite Welt als Spielplatz für seine Kinder geschaffen.

Also: Geh beten; und geh spielen.

Peter Leithart ist der Präsident des Theopolis Instituts.

Der Artikel erschien im englischen Original auf der Seite des Theopolis Institute. Die Übersetzung erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Theopolis Institute durch Tilmann Oestreich.