Einleitung§

Daniels erste Vision handelt von vier aufeinanderfolgenden Tieren. Die Parallele zu der Statue aus Kapitel 2 ist augenfällig. Diese symbolisiert vier aufeinanderfolgende Reiche, angefangen mit Babylon und Nebukadnezar, dem goldenen Kopf. Anders als Daniel haben wir das Privileg, nicht nur die ersten beiden Reiche Babylon und Medo-Persien zu kennen (Daniel erlebte das medo-persische Reich, wie wir später lesen), sondern können durch die Geschichte auch die verbleibenden beiden Tier-Reiche Griechenland und Rom identifizieren. Wir können Daniels Symbolik mit der Geschichte abgleichen, um ein besseres Verständnis für dieses Kapitel zu erhalten.

Das erste Tier: Babylon§

Das erste war wie ein Löwe und hatte Adlerflügel; ich sah hin, bis seine Flügel ausgerissen wurden und es von der Erde aufgehoben und wie ein Mensch auf seine Füße gestellt und ihm das Herz eines Menschen gegeben wurde. Das erste Tier ist wie ein Löwe mit Adlerflügeln und repräsentiert Babylon. Das erste Tier verändert sich, während Daniel es ansieht: es ist weiterhin ein Löwe, bekommt aber ein menschliches Herz und verliert seine Flügel. — Daniel 7,4

Was bedeutet das? Jordan sieht darin das Gericht Nebukadnezars in Kapitel 4, wo dessen Haare wie Adlerfedern wachsen (4,33). Die Flügel zeigen nach oben, ebenso wie der Baum, von dem der König träumt. Ebenso wie dieser Baum abschnitten wird, werden auch die Flügel herausgerissen. Nebukadnezar liegt am Boden, aber bekehrt sich und bekommt wieder ein Menschenherz.

Das zweite Tier: Persien§

Und siehe, ein anderes, ein zweites Tier, war einem Bären gleich. Und es war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul drei Rippen zwischen seinen Zähnen. Und man sprach zu ihm so: Steh auf, friss viel Fleisch! — Daniel 7,5

Das zweite Tier gleicht einem Bären und repräsentiert Medo-Persien. Der Bär ist auf einer Seite aufgerichtet, was oft als die Vorherrschaft von Persien über Medien ausgelegt wird.

Wir haben jedoch eben gesehen, dass »aufgerichtet werden« und »auf seine Füße gestellt werden« eine Referenz zu Nebukadnezars Bekehrung ist, weshalb dieser Abschnitt vermutlich eher so auszulegen ist, dass Kyros und Darius auf der Seite der Juden stehen und ihnen erlauben, Jahwehs Tempel zu bauen.

Sie stehen »auf der einen Seite« im Gegensatz zu persischen Monarchen wie Kambyses, der den Juden feindlich gesonnen war.

Dieser Bär hat drei Rippen in seinem Maul und wird aufgefordert, viel Fleisch zu fressen. Eine häufig anzutreffende Auslegung ist, dass die Perser einen großen Teil der damaligen Welt erobert hatten.

Aber weshalb wird dann das Wort »Rippen« verwendet, wenn »Knochen« passender wäre, sofern die Referenz nur zur Nahrungsaufnahme (»fressen«) ist?

Eine auf diese Symbolik bezogene und möglicherweise treffendere Auslegung könnte daher sein, dass mit »Rippen« und »Fleisch« die Juden gemeint sind, dass die Perser sozusagen in sich aufnehmen sollen. Wir finden an anderer Stelle, dass sich Persien in der Tat die Juden zu Nutze gemacht hat, denken wir an Daniel, Mordecai und Nehemiah.

Die »Rippe« erinnert uns an Gen. 2, als Gott eine Rippe von Adam nahm, um daraus Eva zu schaffen. Was ist Eva für Adam? Seine Helferin. Auch dieses Konzept des Helfers finden wir häufig in der Bibel, denken wir zum Beispiel an Mose und Josua, Elijah und Elisa, Jeremiah und Baruch oder David und Joab. Auch im Buch Daniel taucht diese Idee auf – wer ist der Helfer der Könige? Daniel!

Wir haben im Laufe von Daniel gesehen, dass der Schwerpunkt in Babylon, beim ersten Tier, auf Zeugnis sein und priesterlich-prophetischem Dienst lag. Erst dann kommt in einem zweiten Schritt das (untergeordnete) Herrschen dazu. Die priesterliche Arbeit von Gottes Volk kommt zuerst, in der Löwen-Zeit, bevor in der Bären-Zeit, und den weiteren, darauffolgenden Zeiten, ihre Arbeit als untergeordnete Herrscher beginnen kann.

Das dritte Tier: Griechenland§

Nach diesem schaute ich, und siehe, ein anderes, wie ein Leopard: das hatte vier Vogelflügel auf seinem Rücken. Und das Tier hatte vier Köpfe, und Herrschaft wurde ihm gegeben. — Daniel 7,6

Daniel sieht das dritte Tier »nach diesem« und deutet auf einen zeitlichen Abstand zu den beiden letzten Visionen hin. Bei Löwen und Bär fehlte dieser Hinweis, da beide direkt aufeinander folgten bzw. bereits kurz nach Daniels Vision der Bär die Herrschaft übernahm.

Der Leopard würde jedoch erst einige Jahrhunderte später auf der Bildfläche erscheinen und ihm würde Herrschaft gegeben. Diese Herrschaft ist das charakteristische Element in dieser Tierphase. Der Leopard repräsentiert das Reich von Alexander dem Großen.

Anders als bei Hesekiels Cherub, der einen Kopf mit vier Gesichtern hat, hat der Leopard vier Köpfe. »Kopf« ist im Hebräischen und im Aramäischen nicht nur mit Herrschaft verbunden, sondern auch mit Ursprung oder Quelle, hat also auch eine zeitliche Komponente. Diese vier Köpfe symbolisieren vier aufeinanderfolgende Herrschaftsphasen, wie wir in Kapitel 8 sehen werden.

Diesem dritten Tier wird nun Herrschaft gegeben. Natürlich wurde dem Tier als Ganzem Herrschaft gegeben, was wir daran erkennen, dass alle vier Tiere Herrschaft ausüben. Im Kontext meint dieser Satz jedoch, dass die Herrschaft der Perser nun den Griechen übergeben wurde. Wir haben gesehen, dass das persische Reich »viel Fleisch fressen« sollte, womit gemeint war, die Juden in das Reich und die Regierung aufzunehmen. Nachdem die Juden in Babylon waren, bedeutete dies auch, dass der Leopard auch den Löwen frisst – Griechenland frisst Persien frisst Babylon.

Was sagt uns die Abfolge der Tiere? Im Alten Testament finden wir immer wieder die Abfolge von Priester, König und Prophet. Das erinnert uns auch an die beiden Aufgaben, die Gott Adam gab – zu bewahren (Priester) und zu bebauen (König), mit dem Ziel, später einmal als Prophet aus dem Garten in die Welt zu gehen.

Diese Reihenfolge finden wir auch in diesen drei Reichen wieder: Gottes Volk dienen erst als Priester in Babylon (wie Aaron), herrschen dann als Könige unter einem höchsten König in Persien (wie David unter Gott) und wirken schließlich als Propheten für die hellenistischen Nationen. Alexander der Große prägte als griechischer Herrscher massiv die Kultur der eroberten Länder und Städte (Stichwort: Kosmopolitismus, Weltbürgertum, die Welt als Heimat). Dies ermöglichte wieder eine einheitliche Sprache – Griechisch.

Diese dritte Funktion steht während der Leoparden-Zeit im Fokus. Die vier Flügel des griechischen Reichs ermöglichen es den Juden, als Propheten in die gesamte Oikumene (gesamte bewohnte Welt, soweit damals bekannt; Europa, Asien, Afrika) hinauszugehen.

Das vierte Tier: Rom§

Daniel sieht die Vision von Rom (1), fragt nach (2) und bekommt eine Antwort (3). Diese Abschnitte sind größtenteils parallel:

7 Nach diesem schaute ich in Visionen der Nacht: Und siehe, ein viertes Tier, furchtbar und schreckenerregend und außergewöhnlich stark, und es hatte große eiserne Zähne; es fraß und zermalmte, und den Rest zertrat es mit seinen Füßen. Und es war verschieden von allen Tieren, die vor ihm waren, und es hatte zehn Hörner. (1)

[…]

19 Darauf begehrte ich Gewißheit über das vierte Tier, welches von allen anderen verschieden war, sehr schrecklich, dessen Zähne von Eisen und dessen Klauen von Erz waren, welches fraß, zermalmte, und was übrigblieb, mit seinen Füßen zertrat; 20 und über die zehn Hörner auf seinem Kopfe; und über das andere Horn, welches emporstieg, und vor welchem drei abfielen; und das Horn hatte Augen und einen Mund, der große Dinge redete, und sein Aussehen war größer als das seiner Genossen. (2)

[…]

23 Er sprach also: Das vierte Tier: ein viertes Königreich wird auf Erden sein, welches von allen Königreichen verschieden sein wird; und es wird die ganze Erde verzehren und sie zertreten und sie zermalmen. 24 Und die zehn Hörner: aus jenem Königreich werden zehn Könige aufstehen; und ein anderer wird nach ihnen aufstehen, und dieser wird verschieden sein von den vorigen und wird drei Könige erniedrigen. (3)

— Daniel 7,7.19-20.23-24

Das vierte Tier bleibt undefiniert: Alles, was Daniel sieht sind Füße, Zähne und Hörner. Abgesehen von den Hörnern erinnert uns dieses an das Bär-ähnliche zweite Tier. Die Metalle Eisen und Bronze erinnern an das Bild in Daniel 2. Das sind ebenso die zwei unteren Metalle, wie wir sie schon in Daniel 2 gesehen haben, nur in umgedrehter Reihenfolge.

Dieses vierte Tier fraß und zermalmte die vorhergehenden Reiche, die von diesem vierten Tier übernommen werden. Das Zertreten des Rests zeigt, wie absolut die Herrschaft dieses römischen Tieres war: Jede Nation, die nicht gefressen und damit Teil davon wurde, wurde zertreten.

Die zehn Hörner des Tieres korrespondieren mit den zehn Zehen der Statue aus Daniel 2. Sie werden als Könige bezeichnet und entsprechen den zehn Kaisern, die von Julius Caesar bis Vespasian herrschten:

  1. Julius Caesar
  2. Augustus Caesar
  3. Tiberius Caesar
  4. Gaius Caesar (Caligula)
  5. Claudius Caesar
  6. Nero Claudius Caesar
  7. Galba
  8. Otho
  9. Vitellius
  10. Vespasian (eroberte Jerusalem und zerstörte den Tempel)

Weshalb ist dieses vierte Reich anders als die vorhergehenden? Der zentrale Unterschied liegt darin, dass das Tier mit keinem spezifischen Tier verbunden wird. Stattdessen trägt das Tier menschliche Züge (»Augen, wie Menschenaugen«, »Mund, der große Dinge redete«). In dieser Phase wird die ursprüngliche Welt, die von Tieren und Tieropfern symbolisiert wird (Bileam/Esel, Jona/Wal etc.), langsam verlassen, und man nähert sich der Zeit der Reife (z.B. Gal 4,1-7). Das vierte Tier und sein Kleines Horn repräsentieren somit sozusagen den »bösen Humanismus«, der gegen den »wahren Humanismus« des »wie eines Menschen Sohns« steht.

1 Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich in nichts von einem Knechte, wiewohl er Herr ist von allem; 2 sondern er ist unter Vormündern und Verwaltern bis zu der vom Vater festgesetzten Frist. 3 Also auch wir, als wir Unmündige waren, waren wir geknechtet unter die Elemente der Welt; 4 Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe, geboren unter Gesetz, 5 auf daß er die, welche unter Gesetz waren, loskaufte, auf daß wir die Sohnschaft empfingen. 6 Weil ihr aber Söhne seid, so hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, Vater! 7 Also bist du nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, so auch Erbe durch Gott. — Galater 4,1-7

Die Beschreibung des vierten Reiches darf nicht als etwas schreckliches missverstanden werden. Vergleichen wir diesen Abschnitt mit der Beschreibung der messianischen Herrschaft in Psalm 2:

7 Vom Beschluß will ich erzählen: Jahwe hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. 8 Fordere von mir, und ich will dir zum Erbteil geben die Nationen, und zum Besitztum die Enden der Erde. 9 Mit eisernem Zepter wirst du sie zerschmettern, wie ein Töpfergefäß sie zerschmeißen. 10 Und nun, ihr Könige, seid verständig, lasset euch zurechtweisen, ihr Richter der Erde! 11 Dienet Jahwe mit Furcht, und freuet euch mit Zittern! 12 Küsset den Sohn, daß er nicht zürne, und ihr umkommet auf dem Wege, wenn nur ein wenig entbrennt sein Zorn. Glückselig alle, die auf ihn trauen! — Psalm 2,7-12

In Hebr. 10 lesen wir:

Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen! — Hebräer 10,31

Auch das klingt nicht besonders »freundlich«. Wir dürfen uns das nicht als etwas Schlechtes vorstellen. Die Bibel beschreibt so, wie eine Regierung funktionieren soll – gerecht, aber mit strenger Hand. Die Römer haben Verbrecher und Kriminelle nicht mit Samthandschuhen angefasst, genauso wenig wie Gott oder Jesus. Wer schickt Stürme, Tsunamis, Erdbeben und Feuer? Wer zerstörte Jerusalem? Dieses vierte Tier ist nur etwas Schreckliches für die, die etwas zu befürchten haben. Für alle anderen bedeutet die römische Herrschaft Frieden und Schutz.

In christlichen Kreisen ist die These, dass die Römer schlimme Unterdrücker der Juden gewesen wären, weit verbreitet. Dem ist jedoch nicht so. Die Römer waren diejenigen, die die Juden von ihren vorhergehenden Beherrschern befreiten. Die Römer waren es auch, die die junge Gemeinde beschützten, wie wir in der Apostelgeschichte lesen. Selbst Pilatus hielt Jesus für unschuldig und wollte ihn freilassen. Ja, die Römer mussten auch Rebellionen der Juden niederschlagen und sind sicher dabei brutal vorgegangen, aber es gibt keinen Grund zu glauben, dass die Römer unschuldige Menschen unterdrückten. Erst mit Nero, 64 n. Chr., als die Christenverfolgungen begannen, fiel das Tier und wurde bösartig.

Das kleine Horn§

Auch hier haben wir wieder drei parallele Abschnitte. Daniel sieht ein kleines Horn zwischen den anderen Hörnern herauswachsen, wovon drei davon ausgerissen werden. Dieses Kleine Horn hat Augen wie ein Mensch und einen Mund, der große Worte spricht und ist damit wie ein weiteres Tier (vgl. Dan 7,11). Das Horn trägt menschliche Eigenschaften, ist wie ein Mensch. Mit diesen menschlichen Eigenschaften scheint es eine Parallele zu dem »wie eines Menschen Sohn« aufzuweisen.

8 Während ich auf die Hörner achtete, siehe, da stieg ein anderes, kleines Horn zwischen ihnen empor, und drei von den ersten Hörnern wurden vor ihm ausgerissen; und siehe, an diesem Horn waren Augen wie Menschenaugen und ein Mund, der große Worte redete. […] 20 und über die zehn Hörner auf seinem Kopf und über das andere Horn, das emporstieg und vor dem drei andere Hörner ausfielen. Und das Horn hatte Augen und einen Mund, der große Worte redete, und sein Aussehen war größer als das seiner Gefährten. 21 Ich sah, wie dieses Horn gegen die Heiligen Krieg führte und sie besiegte, […] 24 Und die zehn Hörner bedeuten: Aus diesem Königreich werden sich zehn Könige erheben. Und ein anderer wird sich nach ihnen erheben, und dieser wird verschieden sein von den vorigen, und er wird drei Könige erniedrigen. 25 Und er wird Worte reden gegen den Höchsten und wird die Heiligen des Höchsten aufreiben; und er wird danach trachten, Festzeiten und Gesetz zu ändern, und sie werden in seine Hand gegeben werden für eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. — Daniel 7,8.20-25

Dieses Kleine Horn ist ein Konterfeit der Heiligen. Wie die Heiligen, die zum Thron des Alten an Tagen kommen und sein Königreich zur Herrschaft bekommen, so kommt das Kleine Horn zum vierten Tier und übernimmt einen Teil dessen Königreichs. Damit sind die »großen Worte« aus den Versen 8 und 11 eine Art Konterfeit-Evangelium, ein falscher Zeuge in der Gemeinschaft mit falschen Heiligen. Das Kleine Horn erscheint auf der Bildfläche, kurz bevor der Messias auftritt und bleibt während der Zeit, in der der Alte an Tagen Gericht übt, wird jedoch zerstört, bevor die Heiligen das Königreich erben (Dan. 7,9-14).

Nachdem wir die zehn Hörner bereits als die zehn römischen Kaiser identifiziert haben, bleibt die Frage nach der genauen Identität des Kleinen Horns.

Die Sprache, die für das Kleine Horn verwendet wird (Verse 8, 20 und 24) ist sehr stark, sodass die Vermutung naheliegt, dass ein weiteres Königreich aus dem römischen Reich gemeint sein könnte. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein, da keines zu diesen Beschreibungen passt.

Wir haben gelesen, dass das Kleine Horn die Herrschaft über das Land von drei dieser zehn Hörner übernimmt. Das vierte Tier gibt dem Kleinen Horn seine Macht. Dies ist parallel dazu, dass den Heiligen vom Alten an Tagen das Reich gegeben wird. Und tatsächlich, was passierte im Nahen Osten? Etwa 40 v. Chr. überträgt Rom die Herrschaft über das Heilige Land an Herodes den Großen, mit dem die herodianische Linie beginnt. Herodes stammt aus Edom, ist also Nachfahre von Esau. Somit finden wir hier auch den alten Konflikt zwischen dem Samen der Schlange und dem Samen der Frau wieder.

Wenngleich Herodes der Große als erster herodianischer Herrscher nicht direkt aus dem römischen Reich kam, stieg er doch aus diesem empor (Dan. 7, 20). Er wurde das Gesicht Roms im Heiligen Land. Drei römische Kaiser gaben ihre Macht an drei Herodianer:

  1. Augustus an Herodes den Großen (der Jesus töten wollte),
  2. Tiberius an Herodes Antipas (der Johannes tötete und am Tod Jesu‘ beteiligt war) und
  3. Claudius an Herodes Agrippa I (der Jakobus tötete).

Wir haben vorhin gesehen, dass ein wichtiges Motiv in Kapitel 7 das Beherrschen von Tieren ist, was bedeutet, dass es die Aufgabe der Juden war, auf ihre Tier-Reiche positiv Einfluss zu nehmen. Im letzten Tier-Reich übernimmt diese Aufgabe jedoch das Kleine Horn. Als falsche Heilige (= Volk Gottes zu dieser Zeit) bringt er das Tier dazu, böse zu werden.

Diese Auslegung lässt sich durch Jesus‘ Prozess bestätigen. Der römische Herrscher, Pontius Pilatus, wollte Jesus freilassen, aber die Mächte des Kleinen Horns forderten seinen Tod und zwangen Pilatus, Jesus zu verurteilen, in dem sie sagten:

[…] Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König, als nur den Kaiser. — Johannes 19,15)

Wir lesen in Lukas (8,8-11), dass Herodes (als »falscher« König) Jesus in glänzenden Gewändern, wie einen König, zurück zu Pilatus schickt und damit zu Pilatus‘ Urteil beitrug, indem er Jesus in ein schlechtes Licht rückte. Das Kleine Horn drängte das Tier dazu, sich gegen die Juden zu stellen.

8 Als aber Herodes Jesum sah, freute er sich sehr; denn er wünschte schon seit langer Zeit, ihn zu sehen, weil er vieles über ihn gehört hatte, und er hoffte, irgend ein Zeichen durch ihn geschehen zu sehen. 9 Er befragte ihn aber mit vielen Worten; er aber antwortete ihm nichts. 10 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten standen aber auf und verklagten ihn heftig. 11 Als aber Herodes mit seinen Kriegsleuten ihn geringschätzig behandelt und verspottet hatte, warf er ihm ein glänzendes Gewand um und sandte ihn zu Pilatus zurück. — Lukas 8,8-11

Auf dieser Basis ergibt sich folgende Deutung: Das Kleine Horn symbolisiert das herodianische Königsgeschlecht und seine Getreuen (sozusagen »falscher König und falsche Heilige«).

Die Herodianer waren beschnittene Juden und waren Könige der Juden. Damit kontrollierten sie, wer Hohepriester werden konnte. Damit umfasst das Kleine Horn als Symbol nicht nur die falschen Könige, die falschen Heiligen (Juden und Judaisierer), sondern auch den falschen Hohepriester.

Vieles vom »große Dinge reden« und »Krieg wider die Heiligen führen« finden wir im Neuen Testament – in den Evangelien, der Apostelgeschichte und den Briefen. Die Verbindung von Herodianern und Pharisäern finden wir in Matthäus und Markus.

Das Kommen des Alten an Tagen§

9 Ich schaute, bis Throne aufgestellt wurden und einer, der alt war an Tagen, sich setzte. Sein Gewand war weiß wie Schnee und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle, sein Thron Feuerflammen, dessen Räder ein loderndes Feuer. 10 Ein Feuerstrom floss und ging von ihm aus. Tausend mal Tausende dienten ihm, und zehntausend mal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht setzte sich, und Bücher wurden geöffnet. — Daniel 7,9-10

Das haben wir schon die letzten beiden Male ausführlich besprochen. Jesus ist der, »der alt war an Tagen«. Die Beschreibung des Throns finden wir in Hesekiel, sein Gewand in der Offenbarung:

12a Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, welche mit mir redete, und als ich mich umgewandt hatte, sah ich sieben goldene Leuchter, 13 und inmitten der [sieben] Leuchter einen gleich dem Sohne des Menschen, angetan mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewande, und an der Brust umgürtet mit einem goldenen Gürtel; 14 sein Haupt aber und seine Haare weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme, […] — Offenbarung 1,12-14

Jahwe ist der, der schon immer auf dem Thron sitzt. Jesus setzt sich erst, wenn er seine Arbeit erledigt hat (Offenbarung: Jesus als Hohepriester, als neuer Hesekiel; Gürtel an der Brust: Arbeit ist getan). Wir finden viele Parallelen zu diesem Abschnitt im AT, aber das würde jetzt den Rahmen sprengen.

Das Kommen des Königreichs§

11 Dann schaute ich wegen der Stimme der großen Worte, die das Horn redete; ich schaute, bis das Tier getötet und sein Leib zerstört und dem Brand des Feuers übergeben wurde. 12 Und den übrigen Tieren wurde ihre Herrschaft weggenommen, und Lebensdauer wurde ihnen gegeben bis auf Zeit und Stunde. 13 Ich schaute in Visionen der Nacht: Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen. Und er kam zu dem Alten an Tagen, und man brachte ihn vor ihn. 14 Und ihm wurde Herrschaft und Ehre und Königtum gegeben, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Königtum <so>, dass es nicht zerstört wird.

[…]

17 Diese großen Tiere - es sind vier - bedeuten: vier Könige werden sich von der Erde her erheben. 18 Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen, und sie werden das Reich besitzen bis in Ewigkeit, ja, bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten.

[…]

21 Ich sah, wie dieses Horn gegen die Heiligen Krieg führte und sie besiegte, 22 bis der, der alt an Tagen war, kam und das Gericht den Heiligen des Höchsten gegeben wurde und die Zeit anbrach, dass die Heiligen das Königreich in Besitz nahmen.

— Daniel 7,11-14.17-18.21-22

Das Wort »dann« in Vers 11 impliziert eine Zeitspanne, in der das Kleine Horn spricht. Die Herodianer und die Juden bekämpfen weiterhin den Alten an Tagen während der Zeit seiner Himmelfahrt und der Zeit danach, der Zeit der Apostel. »Ich schaute« in Vers 11 beschreibt ebenso eine Zeitspanne. Das »Tier« muss sich auf das Kleine Horn beziehen, weil das Leben der Tiere aus dem Meer (verbleibend: Rom) verlängert wurde (Vers 12). »Ich schaute« in Vers 13 ist eine letzte Zeitspanne, die solange dauert, bis der, »der alt an Tagen war« das Königreich empfängt. Auch der Kontext zeigt, dass dies die Heiligen sind.

Das Kleine Horn redet in der gesamten Zeit »große Dinge«, bis dieses »kleine Tier« zerstört wird (Vers 11). Daniel schaut, während die Herodianer und die falschen Juden die wachsende Gemeinde angreifen und schaut erneut, als diese beiden Gruppen zerstört werden. Dies war jedoch noch nicht das Ende des Kleinen Horns, womit wir uns gleich beschäftigen werden.

Nach den ersten drei »ich schaute« in den Versen 2, 4 und 6 am Anfang von Kapitel 7 können wir die Ereignisse wie folgt zusammenfassen:

  1. Das vierte Schauen (Vers 7): Der erste römische Kaiser tritt auf und das Kleine Horn beginnt zu sprechen. Dies passierte in den Jahren von Jesus.
  2. Das fünfte Schauen (Vers 9): Jesus fährt in den Himmel und die Bücher werden geöffnet. Das Gericht beginnt an Pfingsten (Referenz zu Dan. 7,10; das vom Himmel kommende Feuer wird in Apg. 2 und Offb. 8,3-5 beschrieben).
  3. Das sechste Schauen (Vers 11, a): Das Kleine Horn spricht weiter, nicht nur während Jesus’ Leben, sondern auch einer kurzen Zeit danach.
  4. Das siebte Schauen (Vers 11, b): Die Macht des Kleinen Horns wird mit Beginn des Jüdisch-Römischen Kriegs in den 60er Jahren n. Chr. zerstört. Das römische Tier bleibt jedoch weiterhin (für eine kurze Zeit) in seiner gottgewollten Aufgabe, solange, bis Jerusalem zerstört wurde.
  5. Das achte Schauen (Vers 13): Kurz nachdem Jerusalem zerstört wurde, bekommen die Heiligen das Königreich und die Zeit des römischen Tiers endet.

Die Zeiten§

25 (a) Und er wird Worte reden gegen den Höchsten (b) und wird die Heiligen des Höchsten aufreiben; (b’) und er wird danach trachten, Festzeiten und Gesetz zu ändern, (a’) und sie werden in seine Hand gegeben werden für eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit. 26 Aber das Gericht wird sich setzen; und man wird seine Herrschaft wegnehmen, um sie zu vernichten und zu zerstören bis zum Ende. 27 Und das Reich und die Herrschaft und die Größe der Reiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen. — Daniel 7,25-27

Vers 25 ist chiastisch aufgebaut (a-b-b’-a’), wodurch man leicht erkennt, dass »Worte reden gegen den Höchsten«, »danach trachten, Festzeiten und Gesetz zu ändern« bedeutet. Mit »Festzeiten« sind keine Feste gemeint, sondern festgeschriebene, festgelegte Zeiten (vgl. Dan. 7,22: dort wird das gleiche Wort verwendet). Ebenso wenig ist »Gesetz« die aramäische Übersetzung von »Torah«, sondern, dass der Alte an Tagen herrschen und die Heiligen das Königreich erben sollen. Es geht also darum, dass das Kleine Horn und seine Anhänger König werden möchte, bevor Jesus als der wahre König kommt und die Heiligen das König bekommen.

»Eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit«: Oft wird dies verstanden als »ein Jahr, zwei Jahre und ein halbes Jahr«, also dreieinhalb Jahre, was jedoch schwer zu beweisen ist. Ein Argument gegen diese Sicht ist, dass Aramäisch neben Singular und Plural noch einen weiteren Numerus kennt - den Dual (Zweizahl). Sollte mit »Zeiten« zwei Jahre gemeint sein, müsste dieses Wort im Dual stehen, was es jedoch nicht tut.

Interessante Parallelstellen und Referenzen§

Hesekiel§

Hesekiel und der Thronwagen§

Im ersten Kapitel ist das wie folgt beschrieben:

Hes 1,1-3: Das Buch beginnt mit Hesekiels »Berufung« zum Propheten im 30. Jahr. Nachdem nicht vom 30. Jahr eines Ereignisses die Rede ist, muss sein eigenes Lebensjahr gemeint sein. Laut 4. Mose 4 ist dies das Jahr, in dem Priester ihren Dienst beginnen konnten. Hesekiel konnte nicht zum Priesterdienst ordiniert werden, da er im Exil war und der Tempel in Jerusalem stand. Er bekam jedoch von Gott eine Position vergleichbar sogar mit der des Hohepriesters. Inwiefern? In drei Visionen sieht er einen Thronwagen mit vier Cherubim, die im »Original« im Allerheiligsten waren (1Chr 28,18). Nur der Hohepriester durfte das Allerheiligste betreten (Heb 9,1-7). So wie der Hohepriester der geistige Führer Israels war, so ist Hesekiel geistiger Führer des Volks im Exil.

Hes 1,4-14: Eine große Wolke nähert sich, und als sie nahe gut ist, kann Hesekiel vier lebende Wesen erkennen. »Lebende Wesen« ist dasselbe Wort wie in Daniel 7. Diese Wesen bilden die vier Ecken eines Altars, der wiederum mit Feuer gefüllt ist. Die ausgestreckten Flügel formen die Seitenteile des Altars.

Hes 1,15-21: Neben den Wesen sind vier doppelte Räder angeordnet, die nach Norden und Süden und Osten und Westen fahren können; das Nord-Süd-Rad ist Teil des Ost-West-Rads. Der Wagen fährt also in 90°-Winkeln.

Hes 1,22-25: Danach sieht Hesekiel ein Firmament, also ein festes Gewölbe, über den Cherubim. Wichtig ist, dass hier deutlich wird, dass es sich um ein Wesen (Singular!) handelt. Die vier Cherubim werden zu einem Wesen zusammengefasst. Das Firmament finden wir schon in Genesis 1 und auch beim blauen Vorhang, der die Stiftshütte vom Altar trennte.

Hes 1,26-28: Danach sieht Hesekiel den Fahrer des Wagens. Er sieht einen blauen (Saphir) Thron, die Farbe des Himmels, über dem Firmament. Die auf dem Thron sitzende Person sieht aus wie ein Mensch, ist aber in zwei Hälften geteilt. Der obere Teil korrespondiert mit dem höchsten Himmel, dem Allerheiligsten, der untere Teil mit dem Zwischenhimmel und dem Heiligtum.

Hesekiels Wesen und Daniels Wesen§

Was hat das nun mit Daniel zu tun? Belsazars Regierung begann 539 v. Chr., deutlich später als die Ereignisse in Hesekiel. Hesekiels Buch war längst fertig, als Daniel seine erste Vision hatte. Daniel und seine Freunde kannten, wie vorhin angesprochen, Hesekiel und waren mit seinen Schriften vertraut. Somit musste ihnen sofort aufgefallen sein, dass die Vision in Daniel 7 darauf aufbaut. Wie? – das schauen wir uns jetzt genauer an:

Tiere: Daniel 7 zeigt uns vier zusammengesetzte Tiere. Dies geschieht nacheinander, nicht gleichzeitig wie in Hesekiel. Analog zu den unterschiedlichen Materialien (Gold, Silber, Bronze, Eisen, Eisen/Ton) aus Daniel 2 reihen sich die Tiere in Daniel 4 aneinander: Jedes steht für eine historische Phase und doch ist von nur einer Statue die Rede.

Cherubim: Die Cherubim bewachen Gottes Thron und bilden mit ihren Flügeln eine Barriere. Ebenso bewachen Daniels Tiere, als eine Art irdische Cherubim, Gottes Volk auf der Erde (die Juden) und begrenzen das irdische Königreich Gottes.

Meer: Hesekiels Tiere kamen vom Himmel herunter, Daniels kam aus dem großen Meer.

Was ist das »große Meer«? Im AT lesen wir immer wieder vom Land in Verbindung mit Israel. Das große Meer ist nicht das Mittelmeer, weil weder Babylon noch Persien daran grenzen. Vielmehr repräsentiert das Meer die heidnische Welt, z. B. in Jes 17,12-13:

»Wehe dem Getümmel vieler Völker: wie das Brausen der Meere brausen sie; und dem Rauschen von Völkerschaften: wie das Rauschen ge-waltiger Wasser rauschen sie! Völkerschaften rauschen wie das Rau-schen vieler Wasser. Und er schilt sie, und sie fliehen weithin; und sie werden gejagt wie Spreu der Berge vor dem Winde und wie Stoppeln vor dem Sturme.«

Diese Tiere, »Cherubim«, sind also heidnische Reiche. Was ist die Aufgabe von Cherubim? Das sehen wir an dem, was passiert, nachdem Adam und Eva den Garten verlassen mussten. Zwei Cherubim bewachen den Eingang zum Garten Eden.

Gott setzt also vier Cherubim-Reiche nach der Zeit der Könige ein, um über sein Volk zu herrschen und es zu beschützen.

Daniels Tiere erscheinen in historischer Reihenfolge. Jedes Tier-Reich wird durch ein neues ersetzt, sobald es böse wird und gegen Gottes Volk agiert. Sobald sich das vierte Biest und sein Kleines Horn gegen Gottes Volk wenden, kommt die Zeit des fünften und letzten Königreichs: Das Reich eines Menschen und nicht eines Tieres, und ersetzt das vorhergehende, vierte Reich.

Woran erinnert euch das letzte Königreich? Genau, an den »Stein, der ohne Hände losbrach« aus Kapitel 2, der die Statue zerschmettert und die ganze Erde füllt.

Danach, der Reihenfolge von Hesekiel folgend, sieht Daniel einen Thron und darauf eine Person, den »Alten an Tagen«:

  1. Wie in Hesekiel 1 ist der Thron umgeben von Feuer und Engeln, ebenso ist der Thron ein Wagen. Dan 7,9 lesen!
  2. Die Person auf Hesekiels Thron ist nicht Gott im Allgemeinen, sondern Jahwe, der Bundesgott, der Gott Israels, der Gericht androht und der immer wieder als »Engel des Herrn« auftritt. »Engel« bedeutet Bote, und wir wissen aus dem Neuen Testament, dass diese Person als Jesus Christus Mensch wird.
  3. Wer ist jetzt der »Alte an Tagen«? Mit Hesekiel 1 im Hinterkopf, können wir erkennen, dass der Alte an Tagen in Daniel 7 nicht Gott im Allgemeinen ist und auch nicht Gott der Vater. Weshalb? In Joh 1,18 lesen wir: »Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.«
  4. Damit ist klar, dass Daniel nicht Gott den Vater gesehen hat, und dass der »wie ein Menschensohn«, der zu dem Alten an Tagen kommt, nicht Jesus bei seiner Himmelfahrt sein kann. Vielmehr ist der Alte an Tagen der präinkarnierte Jesus. Demnach ist es jemand anderes, der als Menschensohn zu ihm kommt und das Königreich von ihm erhält.

Fazit: Wir sehen, dass Hesekiel nicht nur teilweise der Hintergrund von Daniel 7 ist oder nur am Rande gestreift wird. Vielmehr ist Hesekiel vollständig im Hintergrund von Daniel 7. Daniel 7,2-10 ist eine andere Version von Hesekiels Vision und wurde als solche sofort von Daniel erkannt!

Hesekiel, der Menschensohn§

Wer ist nun der »Sohn des Menschen«? Gott nennt Hesekiel insgesamt 93-mal »Menschensohn«: Zum ersten Mal am Anfang von Kapitel 2, als er beauftragt und ermächtigt wird, als Prophet zu den Exil-Juden in Babylon zu gehen. In der Vision naht er dem Thronwagen. Eine Hand reicht ihm eine Buchrolle (Hes 2,9), die auf der Vorder- und Rückseite mit Klagen und Seufzen beschrieben ist. Diese Rolle enthält Gerichtsworte gegen die Juden und Jerusalem (Hes 2,8 bis 3,3).

  1. Später wiederholt sich diese Situation in ähnlicher Weise (8–11). Hesekiel wird in einer Vision nach Jerusalem gebracht. Dort begegnet er wieder dem Thronwagen und sieht einen in Leinen gekleideten Mann (10,1-2), der ihm sagt, er solle seine Hände mit Feuerkohlen füllen und sie über die Stadt streuen und sie so zu zerstören.
  2. Wen sieht Hesekiel hier? Sich selbst! Er ist der Menschensohn. Dies beweist Kapitel 43, in dem er den Thronwagen ein drittes Mal sieht und sagt »[…] als ich kam, um die Stadt zu vernichten« (43,3). In unserer Übersetzung steht »er« statt »ich«, aber im masoretischen Text ist von »ich« die Rede. Außerdem macht der Kontext des restlichen Kapitels klar, dass Hesekiel sich selbst meinen muss.

Also sehen wir wieder, dass Hesekiel, der Menschensohn, zweimal zu Gott, zum Alten an Tagen kommt und von ihm etwas bekommt – die Buchrolle und die Feuerkohlen. Erkennt ihr die Parallele zu Daniel? Genau das passiert in Daniel 7:

  1. Wir sehen jemanden gleich eines Menschensohnes, der sich dem Thron des Alten an Tagen nähert und etwas bekommt – in diesem Fall Herrschaft und Ehre und Königtum (Dan 7,13-14). Was auch immer das sein wird.
  2. Womit haben die Dinge, Buchrolle und Feuerkohlen, zu tun, die Hesekiel empfängt? Mit Gericht und dem Ende der Königreich-Ära und dem »Neustart« in Jerusalem (Hes 40–48). Die gleichen Elemente finden wir auch in Daniel 7: ein geöffnetes Buch (7,10), und die Zerstörung des Kleinen Horns mit Feuer (7,11).
  3. Mit Hesekiel im direkten Hintergrund können wir das Kleine Horn als die Juden und Jerusalem identifizieren – das Buch wurde geöffnet, um Gericht über Jerusalem zu sprechen. Mit Feuer wurde dieses Gericht ausgeführt, die Stadt wurde zerstört.

Daniel ist am Ende der Vision ängstlich (7,28), wegen zwei Dingen:

  1. Zum einen versteht er, dass es noch eine lange Zeit dauern wird, bevor Gottes Königreich kommen wird und dass die Heiligen in der Zwischenzeit leiden werden. Dan 7,23-25 lesen!
  2. Der zweite Grund ist, dass er von Hesekiel weiß, dass das Kleine Horn Jerusalem und die Juden symbolisieren muss, und dass Jerusalem sich gegen Gott stellen und in den letzten Tagen der Alten Schöpfung zerstört werden wird, bevor die Heiligen das Königreich erben.

Zum Abschluss einige letzte Anmerkungen:

  1. Die Person in Daniel 7 ist »wie« ein Menschensohn, wie Hesekiel und wie Jesus. Jesus ist der größere Hesekiel. Hesekiel wurde im Alter von 30 Jahren in seinen Dienst eingeführt, ebenso wie Jesus.
  2. Ihm wurde aufgetragen, eine Gerichtsbotschaft über seine Generation zu verkündigen, wie auch Jesus. Seine Botschaft war nicht nur die Zerstörung von Jerusalem, sondern auch die Zerstörung und das Wachrütteln der Nationen (Gerichtsbotschaften an alle Nationen, Hes 25ff).
  3. Jesus kam nicht nur, um Jerusalem zu zerstören, sondern auch, um die alte Welt zu beenden. Hesekiel bekommt am Ende eine Vision eines neuen Jerusalems und einer neuen Welt, und Jesus predigte ebenso das Kommen von Gottes neuem Königreich.

Wenn sich Jesus also als »Menschensohn« bezeichnet, verweist er auf Hesekiel, nicht auf Daniel 7 (wenn, dann indirekt). Jesus ist der größere Hesekiel. Wir Christen sind die »wie« der Menschensohn, wie Jesus. Was heißt das? Keine Ahnung. Aber es ist sicher sinnvoll, sich damit zu beschäftigen!

Levitikus§

Weg von Hesekiel, hin zu einer weiteren Passage in der Bibel, mit der die Juden damals sehr vertraut waren: Levitikus 16, der Versöhnungstag. Am Versöhnungstag tauschte der Hohepriester seine prächtigen Gewänder gegen einfache Kleidung aus Leinen. Er war beauftragt, Sühnung für die Sünden des Volks in einem Jahr zu erwirken. Nachdem er das getan hatte, konnte er sich wieder umziehen und wurde damit wieder als Hohepriester, als oberster religiöser Herrscher über Israel, eingesetzt.

Zweimal wurde am Versöhnungstag etwas bedeckt: Zuerst wurde die Deckplatte der Bundeslatte mit Blut besprengt (also bedeckt) zur Versöhnung und Rechtfertigung. Danach zog der Hohepriester wieder seine Gewänder an und »bedeckte« sich damit mit Herrlichkeit und Schönheit.

Wie das Ritual im Detail funktionierte, haben wir eben gelesen. In den Versen 12–14 sehen wir, dass der Hohepriester Feuerkohlen vom Bronzealtar nehmen und seine beiden Hände voll Räucherwerk machen musste. Das Räucherwerk sollte dann in die Pfanne gelegt werden und in das Allerheiligste gebracht werden, direkt vor Jahwes Thron.

Und er nehme eine Pfanne voll Feuerkohlen von dem Altar, vor Jahwe, und seine beiden Hände voll wohlriechenden, kleingestoßenen Räucherwerks, und bringe es innerhalb des Vorhangs. Und er lege das Räucherwerk auf das Feuer vor Jahwe, damit die Wolke des Räucherwerks den Deckel bedecke, der auf dem Zeugnis ist, und er nicht sterbe. Und er nehme von dem Blute des Farren und sprenge mit seinem Finger auf die Vorderseite des Deckels gegen Osten; und vor den Deckel soll er von dem Blute siebenmal sprengen mit seinem Finger. — Levitikus 16,12-14

Dieser Weihrauch war hochheilig, wie wir in Exodus 30,34-38 nachlesen können. Die Zutaten waren von Gott exakt vorgegeben und wurden nur innerhalb der Stiftshütte bzw. dem Tempel verwendet, einem Symbol für Gottes Himmel. Die »Wolke des Räucherwerks« war somit eine Art von Wolkensäule.

Der Hohepriester ging somit symbolisch vom Altar auf der Erde himmelwärts bis in den Himmel, begleitet von der himmlischen Wolke. Im Allerheiligsten hielt der Hohepriester die Weihrauchpfanne in einer Hand und das Gefäß mit dem Blut des Jungstiers in der anderen. Daraus besprenkelte er die Deckplatte der Bundeslade, um seine Sünden und die der anderen Priester zu bedecken (Lev 16,11). Danach, als ein zweites, darauffolgendes Ritual, wiederholte der Hohepriester die Prozedur mit einem geschlachteten Ziegenbock für die Sünden des Volks (Lev 16,15).

Nachdem die beiden Rituale abgeschlossen waren, zog der Hohepriester seine Kleider aus Leinen aus und sein offizielles Gewand wieder an. Dieses Gewand beinhaltete die zwölf Stämme, die auf dem Gurt an den Schultern eingraviert waren, ebenso wie auf der Brusttasche, die aus zwölf Steinen bestand.

Und du sollst zwei Onyxsteine nehmen und die Namen der Söhne Israels darauf stechen: sechs ihrer Namen auf den einen Stein und die sechs übrigen Namen auf den anderen Stein, nach ihrer Geburtsfolge. In Steinschneider-Arbeit, in Siegelstecherei sollst du die beiden Steine stechen nach den Namen der Söhne Israels; mit Einfassungen von Gold umgeben sollst du sie machen. Und setze die beiden Steine auf die Schulterstücke des Ephods, als Steine des Gedächtnisses für die Kinder Israel; und Aaron soll ihre Namen auf seinen beiden Schultern tragen vor Jahwe zum Gedächtnis. — Exodus 28,9-12

Die zwölf Stämme Israels waren Gottes Königreich zu dieser Zeit – wenn der Hohepriester demnach sein Gewand nach dem Opferritual wieder anlegte, bekam er symbolisch das Königreich zurück (er zog es sozusagen wieder an).

Was hat das bitte mit Daniel 7 zu tun? Das Wegnehmen der Sünden ist offensichtlich nicht Thema des Kapitels. Stattdessen steht ein anderer Aspekt im Fokus: In Daniel 7, 13-14 sehen wir nämlich die gleiche Abfolge:

[…] und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor denselben gebracht. Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben […] — Daniel 7,13-14

Wir sehen jemand wie Hesekiel, der eine Art Hohepriester für die Juden im Exil war. Dieser Hohepriester kommt zu Jahwe, dem Alten an Tagen, »mit den Wolken des Himmels« und ihm wird ein ewiges, immerwährendes Königreich gegeben.

Wir müssen daran denken, dass der Hohepriester das Volk repräsentiert hat, dessen Stellvertreter war. Der Hohepriester ist der Menschensohn und das Volk sind diejenigen, die wie dieser Menschensohn sind. In Levitikus 16 kommt der Hohepriester mit heiligem Weihrauch, der Wolkensäule, zunächst für ihn selbst vor Gott, als der erste Menschensohn – danach für diejenigen »wie der Menschensohn«, für das Volk. Wir finden dort also zwei Himmelfahrten, die erste des Menschensohns und die zweite derer, gleich des Menschensohns.

17 Und deswegen wundert es uns auch nicht, wenn wir lesen, dass der »wie eines Menschen Sohn« nicht als eine bestimmte Person identifiziert wird, beispielsweise als der Messias, sondern mit den Heiligen: Aber die Heiligen der höchsten Örter werden das Reich empfangen, und werden das Reich besitzen bis in Ewigkeit, ja, bis in die Ewigkeit der Ewigkeiten.

22 […] bis der Alte an Tagen kam, und das Gericht den Heiligen der höchsten Örter gegeben wurde, und die Zeit kam, da die Heiligen das Reich in Besitz nahmen.

27 Und das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volke der Heiligen der höchsten Örter gegeben werden. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Herrschaften werden ihm dienen und gehorchen.

— Daniel 7,17.22.27

Der Alte an Tagen ist damit Jahwe Gott. Die »wie eines Menschen Sohn«, wie Jesus, sind die Heiligen, die in den Himmel aufsteigen und das Königreich erhalten. Wann wird das passieren? Bei der Zerstörung des Tempels, 70 n. Chr. Wie genau das zu verstehen ist, schauen wir uns nächstes Mal an.